Was ist ein Reizdarm-Syndrom?

Unter einem „Reizdarm“ versteht man eine über etliche Wochen anhaltende Beschwerdesymptomatik, die für den betroffenen Menschen und die ihn behandelnden Therapeuten auf den Bauchraum/Darm bezogen werden. Dazu gehört, dass eine organische Erkrankung, welche die Beschwerden erklären könnte, ausgeschlossen wurde. Es ist somit eine Erkrankung, die sich in einer gestörten Funktion des Darms äußert. Die Beschwerden können daher sowohl mit Verstopfung als auch mit Durchfall oder einem Wechsel von beiden einhergehen. Zudem sind Blähung und Schmerzen im Bauchraum typisch. Häufig kommt eine erhebliche Empfindlichkeit bezüglich unterschiedlicher Nahrungsmittel dazu, welche keine klassischen Allergien oder Unverträglichkeiten (wie z.B. bei der Laktose- oder Fruktoseintoleranz) sind. Obwohl diese Funktionsstörungen gutartig sind, so ist die Lebensqualität der betroffenen Menschen häufig erheblich eingeschränkt und relevante Einschnitte im Alltagleben müssen in Kauf genommen werden.

Der Reizdarm kann eine direkte Funktionsstörung der Darmtätigkeit sein, die z.B. in Folge einer viralen oder bakteriellen Entzündung des Magen-Darmtraktes als Beschwerdebild über Wochen und Monate verbleibt. Auch ohne abgrenzbare Auslöser sind chronische funktionelle Darmbeschwerden zu finden. Des Weiteren können die klassischen Beschwerden eines Reizdarmes auch Symptome psychosomatischer und psychiatrischer Erkrankungen sein. Mischbilder sind nicht untypisch. Eine gute Unterscheidung der Ursachen der Beschwerden ist für eine sinnvolle und erfolgsversprechende Therapie unabdingbar.

Entsprechend erfolgt neben einer ausführlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung initial eine sinnvolle körperliche Ausschlussdiagnostik, die folgenden Untersuchung enthalten kann (immer in Abhängigkeit von Krankengeschichte und Beschwerden): Labor, Stuhluntersuchung, Ultraschall vom Bauchraum, ggf. Magen- und Dickdarmspiegelung (inkl. Probeentnahme aus der Schleimhaut), Testung auf Zuckerunverträglichkeiten und eine bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms. Im Einzelfall sind weitere diagnostische Schritte notwendig wie z.B. eine gynäkologische Mitbeurteilung.

Bestätigt sich die Verdachtsdiagnose verfolgen wir in Havelhöhe je nach Einzelfall und führender Beschwerdesymptomatik einen multimodalen Therapieansatz. Dieser beinhaltet unterschiedliche Therapiestrategien. Ein wichtiger Teil stellt der anthroposophisch-medikamentöse Ansatz dar. Hier kommen z.B. pflanzliche Bittermittel wie Gentiana und Absinthum, pflanzliche krampflösende Mittel wie Kupfer und Nikotiana, Kamille und Pfefferminzöl sowie schleimhautstabilisierende mineralische Medikamente wie Stibium und kieselhaltige Substanzen zur Anwendung. Im Weiteren kann mit äußere Anwendungen (Auflagen, Wickel, Fußbäder etc.) gearbeitet werden. Ein wichtiger therapeutischer Ansatz stellt die Kunsttherapie bzw. bewegungstherapeutische Ansätze (z.B. Heileurythmie) dar. Von großer Bedeutung ist zudem das Gespräch, das einen eigenständigen Therapieansatz für die erforderlichen lebensstilverändernden Aktivitäten darstellt.

Da auch wir wie alle Akutkrankenhäuser engen finanziellen Rahmenbedingungen unterworfen sind, die uns häufig nicht den Raum und die Zeit gewähren, dem o.g. Anspruch vollumfänglich gerecht zu werden, versuchen wir zumindest im o.g. Sinne ein Therapiekonzept zu initialisieren, welches dann ambulant weitergeführt werden kann.

Was sind die Ursachen für einen Reizmagen?

Rund 30 Prozent der Menschen leiden unter gelegentlichen Magenbeschwerden mit Übelkeit, Völlegefühl oder Schmerzen im Oberbauch. Kehren diese Symptome häufig wieder und ist dadurch die Lebensqualität der Betroffenen eingeschränkt, kann man von einem Reizmagen (funktionelle Dyspepsie) sprechen. Das heißt, die Verdauung ist gestört, obwohl keine organische Erkrankung des Magens wie z.B. ein Magengeschwür vorliegt. Häufig treten zeitgleich auch Beschwerden des sogenannten Reizdarms auf mit Blähungen, Krämpfen oder Durchfall.

Die Ursachen für die Entwicklung eines Reizmagens, können vielfältig sein. Manche Patienten haben ein sehr sensibles Nervensystem im Magen-Darm-Trakt, wodurch der Magen überempfindlich auf Reize reagiert. Weitere Ursachen können funktionelle Beschwerden sein, die in Folge von primär organischen Erkrankungen verbleiben. Auch können psychische Belastungen wie Sorgen, Stress, zu wenig Schlaf oder belastenden Lebensereignisse ein Reizmagen verursachen.

Welche Beschwerden verursacht ein Reizmagen?

Bei einem Reizmagen leiden die Patienten unter verschiedenen Verdauungsbeschwerden. Am häufigsten klagen sie über brennende oder dumpfe Schmerzen im Oberbauch sowie einen Druck in der Magengegend. Dazu kommen häufig Völlegefühl, saures Aufstoßen, Appetitlosigkeit bzw. ein schnelles Sättigungsgefühl. Manche Betroffene empfinden auch eine plötzliche Abneigung gegenüber bestimmten Speisen.

Wie wird ein Reizmagen diagnostiziert?

Um die Diagnose sicherstellen und eine schwerwiegende organische Erkrankung ausschließen zu können, findet zunächst ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten und eine eingehende körperliche Untersuchung statt. Neben einer Blutuntersuchung wird auch eine Ultraschalluntersuchung (Sonographie) und eine Magenspiegelung (Gastroskopie) durchgeführt. Dabei wird ein dünner Schlauch mit einer kleinen Kamera über die Speiseröhre in den Magen eingeführt, um die Schleimhaut betrachten zu können. Leidet der Patient auch unter Reizdarmsymptomen, so ist ggf. auch eine Darmspiegelung notwendig.

Kann aufgrund der Untersuchungsergebnisse eine organische Erkrankung ausgeschlossen werden, lässt sich oft durch gezielte Maßnahmen eine deutliche Besserung der Symptome erreichen.

Wie wird ein Reizmagen behandelt?

Zur kurzfristigen Linderung starker und länger anhaltender Beschwerden können Medikamente wie z.B. Protonenpumpenhemmer oder H2-Antagonisten verordnet werden. Sie vermindern die Produktion der Magensäure und verhindern dadurch die weitere Reizung des Magens. Der Einsatz dieser Medikamente sollte jedoch nur über einen kurzen Zeitraum und nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen.

Ist eine Bewegungsstörung des Magens die Ursache für die Beschwerden, können auch Motilitätsregulatoren oder Prokinetika gegeben werden. Sie regen die Beweglichkeit des Verdauungstraktes an. Der Mageninhalt wird somit besser durch den Verdauungstrakt transportiert, so dass Völlegefühl oder Übelkeit nicht mehr auftreten.

Langfristig hilft bei einem Reizmagen häufig nur eine Veränderung des Lebensstils: Änderung von Essens- und Lebensgewohnheiten, Strukturierung von Tagesrhythmen, Reduktion belastender Lebensfaktoren, Stressabbau und Resilienztraining etc. Während der stationären Behandlung in Havelhöhe erhalten die Patienten deshalb auch Tipps für eine ausgewogene Ernährung und bei Bedarf und Wunsch Gesprächsangebote von Therapeuten und Psychologen.

Linderung erfahren Patienten auch durch die äußeren Anwendungen als Selbsthilfestrategie aus der Anthroposophischen Pflege wie feucht-warme Wickel mit Klee (Oxalis), Schafgarbe, Kamille oder Kümmel, Einreibungen oder Fußbädern.