Angsterkrankungen

Angststörung - Panikstörung - Agoraphobie - soziale Phobie - spezifische Phobie - generalisierte Angststörung

Ängste gehören zum Leben von jedem Menschen. Sie treten in verschiedensten Situationen und Zusammenhängen auf, weisen auf drohende Gefahren hin und haben damit eine wichtige Schutzfunktion für den Menschen. Wenn Betroffene ihre Ängste über längere Zeit nicht mehr bewältigen können, stark darunter leiden, die Lebensqualität, das Selbstvertrauen, Beziehungen und Alltagsaktivitäten immer mehr davon beeinträchtigt werden, spricht man von einer Angsterkrankung. Angsterkrankungen zeichnen sich dadurch aus, dass die Warnfunktion der normalen Angstempfindung verloren gegangen ist. Die Angstreaktionen werden stärker, häufiger und unangemessen.

Die Angststörungen sind mit etwa 16 Prozent (Erkrankungshäufigkeit pro Jahr) die häufigste seelische Erkrankung. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. Nicht selten stehen die körperlichen Symptome der Angst wie etwa Schwindel, Herzrasen, Zittern, Magen-Darmbeschwerden, verminderte Belastbarkeit so im Vordergrund, das Betroffene sich wiederholten ärztlich-körperlichen Abklärungen unterziehen, bevor die Diagnose einer Angststörung gestellt wird. Zusätzliche Komplikationen bestehen in der Gefahr von Selbstbehandlungsversuchen mit Alkohol, Drogen oder abhängig machenden Medikamenten, häufig entwickeln sich zusätzlich noch depressive Störungen.

 

Wodurch entstehen Angsterkrankungen?

Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft geht man davon aus, dass bei der Entstehung von Angststörungen sowohl psychosoziale als auch biologische Faktoren eine Rolle spielen. Auch kann eine erhöhte  Anfälligkeit für Angsterkrankungen erblich bedingt sein durch z. B. ein besonders leicht reagierendes vegetatives (unbewußtes) Nervensystem. Normale Ängste bestehen bei allen Kindern abhängig von ihrem Entwicklungsstand. Werden diese durch entweder wenig einfühlsame oder überbehütende Eltern begleitet, besteht ein erhöhtes Risiko, dass entsprechende Bewältigungsstrategien unzureichend entwickelt werden, Ängste bestehen bleiben oder bei reaktivierenden Situationen im späteren Leben wieder auftauchen. So können belastende Lebensereignisse, hohe Belastungen über lange Zeit, aber auch z. B. beschämende Erlebnisse zum Auslöser einer Angsterkrankung werden. Dazu treten dann aufrechterhaltende Faktoren mit vermehrter Selbstbeobachtung körperlicher Funktionen mit Fehlbewertungen als gefährlich, Angst vor erneuter Angst, katastrophierende Gedanken und zunehmender Vermeidung von Situationen, die fälschlich für die Auslösung der Angst verantwortlich gemacht werden.

Welche Beschwerden werden durch Angsterkrankungen ausgelöst?

Körperliche Beschwerden

  • Herzrasen oder -stolpern, Blutdruckanstieg
  • Engegefühle in der Brust, gelegentlich auch Herzschmerzen
  • Schweißausbrüche, feuchte Hände
  • Erröten, Hitzewallungen und Kälteschauer, Gänsehaut
  • Atemnot bis hin zu Erstickungsgefühl oder beschleunigte Atmung
  • Schluckbeschwerden oder das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben
  • Mundtrockenheit
  • Zittern, Muskelanspannungen
  • Kopfschmerzen
  • Taubheitsgefühle oder Hautkribbeln
  • Übelkeit, häufiger Harndrang, Durchfall
  • Schlafstörungen


Seelische Beschwerden

neben der Angst als manchmal für den Betroffenen nicht wahrnehmbares Grundgefühl:

  • Unbehagen und Unwohlsein
  • innere Unruhe
  • Beklemmungsgefühl
  • Verzweiflung
  • Nervosität, Stress
  • Erregtheit und Reizbarkeit
  • Konzentrationsschwäche
  • Unfähigkeit einer sinnvollen Reaktion
  • Schwindelgefühle
  • verfremdete Wahrnehmung (Derealisation) und ein verändertes Persönlichkeitsgefühl (Depersonalisation)
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Gefühl verrückt zu werden oder „auszuflippen
  • mitunter auch Angst zu sterben
  • Sprachschwierigkeiten
  • unkontrolliertes Weinen

Wir werden Angsterkrankungen diagnostiziert?

Nach Ausschluss körperlicher Ursachen für die Beschwerden, wird die Diagnose der Angsterkrankung durch ein Gespräch gestellt. Die Schilderung der Symptomatik und der Inhalte der Ängste, sowie der vermiedenen Situationen ermöglicht eine Unterteilung der Angsterkrankungen. Testpsychologische Fragebögen ergänzen die Diagnose.

Folgende Angststörungen werden unterschieden:

Panikstörung

Unerwartet auftretende, heftigste Ängste mit körperlichen Beschwerden, im Besonderen des Herz-Kreislauf-Systems und der Atmung, Schwitzen, Zittern, Hitze- und Kälteschauer, Schwindel oder Benommenheitsgefühlen. Diese sogenannten Panikattacken gehen einher mit Ängsten zu sterben, verrückt zu werden oder in Ohnmacht zu fallen. Diese Zustände treten in Situationen ohne objektiv nachvollziehbare Gefahr auf und können zu einem Vermeidungsverhalten gegenüber Orten oder Situationen führen, die mit den Panikzuständen in Verbindung gebracht werden.

Agoraphobie

Das phobische Vermeidungsverhalten beinhaltete ursprünglich die Angst vor weiten Plätzen oder Menschenansammlungen und bezieht sich heute auf die allgemeine Angst einer Person, eine Situation nicht ohne weiteres verlassen zu können, wie z. B. bei der Benützung öffentlicher Verkehrsmittel oder dem Anstehen an einer vollen Kasse im Lebensmittelgeschäft. Sollte eine völlige Vermeidung nicht möglich sein, werden die Situationen nur in Begleitung aufgesucht. Oft schränkt sich der Lebensspielraum der Betroffenen zunehmend auf das häusliche Umfeld ein. Manchmal können sie auch dort nicht mehr alleine sein.

Soziale Phobie

Wichtiges Merkmal ist die Erwartung oder Überzeugung, in einer sozialen Situation von anderen Personen beobachtet und negativ bewertet zu werden. Aus Angst vor Blamage vermeidet der Patient solche Situationen. Die häufigsten Quellen für diese Verunsicherung sind öffentliches Sprechen, gemeinsames Essen oder Trinken oder öffentliche Veranstaltungen. Im Gegensatz zur Schüchternheit ist das Sozialleben oder die berufliche Funktionsfähigkeit durch das angstbedingte Vermeidungsverhalten erheblich beeinträchtigt. Erröten, Zittern, Toilettendrang oder sogar Angst zu erbrechen können auftreten.

Generalisierte Angststörung

Im Mittelpunkt der Ängste stehen übermäßige Sorgen und unrealistische Befürchtungen gegenüber möglichen schlimmen Ereignissen innerhalb sämtlicher Lebensbereiche. Die Ängste und Sorgen werden als äußerst intensiv und kaum kontrollierbar erlebt und gehen unter anderem mit erhöhter körperlicher Anspannung, Ruhelosigkeit, Nervosität, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen und verminderter Leistungsfähigkeit einher.

Spezifische Phobien

Die Angst vor einzelnen und genau beschreibbaren Objekten oder abgrenzbaren Situationen ist den Betroffenen als übertrieben und unbegründet bewusst, zieht aber dennoch ein zunehmendes Vermeidungsverhalten nach sich. Beispiele sind Ängste vor bestimmten Tieren (Hunde, Spinnen), vor Umweltphänomenen (z. B. Gewitter) vor Blut oder medizinischen Eingriffen, vor Krankheiten (AIDS) oder ganz spezifischen räumlichen Situationen (Flugzeug, Fahrstuhl). Viele Menschen leben mit solchen Phobien ohne gravierende Einschränkungen. Wenn behandlungsbedürftig sind sie in der Regel gut ambulant behandelbar und benötigen sehr selten stationärer Behandlung.

Wie werden Angsterkrankungen behandelt?

In der Mehrzahl der Fälle sind Angststörungen gut ambulant behandelbar. Tritt aber iwährend der ambulanten Behandlung keine deutliche Besserung ein oder ist die Erkrankung sehr schwer, kann eine stationäre Krankenhausbehandlung erforderlich werden. Häufig kommt es durch das Verlassen der Alltags-/Überforderungssituation bereits zu einer hilfreichen Distanz von Aufgaben und Konflikten. Die stationäre Gemeinschaft auf Zeit stellt ein gutes Übungsfeld für Neuerlerntes dar, anderes Interaktionsverhalten kann ausprobiert werden, zusätzlich können stationär mehrere Behandlungsansätze miteinander verknüpft werden.

Unsere Behandlungskonzept für Angsterkrankungen beinhaltet Therapieangebote, die die leibliche, die seelische und die spirituelle Dimension berücksichtigen.

Bei ausgeprägteren Angststörungen kommt die begleitende Verordnung bestimmter Antidepressiva in Frage. Die Verordnung wird stets im Einzelfall geprüft. Mit anthroposophischen Medikamenten werden die Selbstheilungskräfte angeregt. Äußere Anwendungen, Wickel, Einreibungen, Öldispersionsbäder unterstützen den Gesundungsprozess. Bewegungs- und Physiotherapie verbessern das Körpergefühl und vermitteln wieder mehr Vertrauen in die Funktionen des eigenen Körpers.

Wir vermitteln unseren Patienten Wissen (Psychoedukation) über Angst, insbesondere über die Zusammenhänge zwischen Gefühlen und Körpervorgängen (Teufelskreis der Angst). Therapeutisches Malen, Musiktherapie, Therapeutische Eurythmie, Therapeutisches Plastizieren unterstützen den Heilungsprozess.

Ergänzend kommen Psychotherapeutische Verfahren (Schematherapie nach J. Young, Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Anthroposophische Psychotherapie) und Meditation zum Einsatz.

Ziel der Behandlung ist es, ein Verständnis dafür zu entwickeln, welche individuellen äußeren und inneren Faktoren, biographischen Hintergründe und Lernerfahrungen zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptomatik beitragen. Zugleich lernen die Patienten Strategien, um angemessen mit ihren Ängsten umzugehen (z.B. Angstbewältigungstraining).

Perspektive: Leben mit der Erkrankung

Angsterkrankungen gehören zu den psychotherapeutisch am erfolgreichsten zu behandelnden seelischen Erkrankungen. Über die stationäre Behandlung hinaus ist für nachhaltige Verbesserung zusätzlich in den allermeisten Fällen eine ambulante Therapie erforderlich.