Psychotherapie

Geh Du voran, sagte die Seele zum Körper,
auf mich hört er nicht.
Ich werde krank werden, dann wird er Zeit
für dich haben, antwortete der Körper.

Das Menschenbild Rudolf Steiners bildet die Grundlage für eine anthroposophisch orientierte Psychotherapie. Eine darauf sich gründende Psychotherapie wendet sich an das Ich des Menschen, das eine ordnende Wirkung auf die verschiedenen Seelenregungen ausübt und damit dem Seelenleben seine Richtung gibt. Ist das Seelenleben sich selbst überlassen, so kann es störend auf physiologische Prozesse einwirken und zu Funktionsstörungen bis hin zu organischen Erkrankungen führen. Wir können umgekehrt auch feststellen, dass bestehende, zum Teil auch schwere körperliche Krankheiten besser bewältigt werden, wenn der Mensch ichhaft der eigenen Biographie sowohl rückschauend als auch in die Zukunft blickend einen Sinn zu geben vermag, seine Lebensziele formulieren kann und sein Handeln danach auszurichten weiß und damit nicht seinen Gefühlsregungen hilflos ausgeliefert ist.

 

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Bestimmte Störungen, die zunächst als seelische in Erscheinung treten, entziehen sich meistens dem Zugriff des bewussten Ich. Wir haben es hier zum Teil mit funktionellen Störungen zu tun, das heißt mit dem Bereich des Unbewussten. Hier muss der psychotherapeutischen Behandlung eine spezifische medizinische Therapie vorangehen oder diese zumindest begleiten, um dem Ich des Patienten die notwendigen leiblichen Grundlagen zu schaffen, gestaltend auf die Zukunft hinzuarbeiten. Im letztgenannten Aspekt liegt eben auch eine besondere Bedeutung des Ich eines Menschen: es befindet sich in kontinuierlicher Entwicklung, das heißt es ist immer ein Werdendes, welches sein Streben auf die Zukunft richtet.

 

Dazu kann es sinnvoll sein, dass der Patient zunächst versucht, seine Vergangenheit in einen neuen Deutungshorizont zu stellen, um dadurch erst den Weg in die Zukunft zu eröffnen. Wenn es dem Patienten gelingt, sich von seinen Problemen - bei aller Einsicht und Erkenntnis in diese - zu distanzieren, so kann er sich selbst gegenübertreten und auf seine Fähigkeiten und Möglichkeiten schauen. Das bedeutet, dass wir uns immer am Gesunden orientieren wollen im Bewusstsein, dass das Geistige des Menschen - sein Ich - nicht erkranken kann. Wir haben in diesem Bereich Freiheit zu jedem wie auch immer gearteten Sachverhalt. Gemeinsam im Gespräch findet die Bemühung statt, zu verstehen, welche Fragen das Leben an den Patienten durch die Erkrankung, durch die Krisensituation stellt und welche Möglichkeiten er hat, zu antworten. Damit verbindet sich die Frage, wie wird er verantwortlich.

 

Ein wichtiges Anliegen einer um die Anthroposophie erweiterten Psychotherapie ist das Berücksichtigen aller rhythmischen Vorgänge. So gewinnt der Sieben-Jahres-Rhythmus als Urrhythmus des menschlichen Lebens neben anderen biographischen Rhythmen eine wesentliche Bedeutung. Neue Stufen im Lebenslauf entwickeln neue Möglichkeiten: Die Verwandlung von Altem kann Neues entstehen lassen.

 

Eine Kenntnis der auf jeder Lebensstufe altersgemäß zu entwickelnden körperlichen und seelisch-geistigen Fähigkeiten ist notwendig und hilft, die Symptome der verschiedenartigsten Krisen in ihrer Entstehungsgeschichte zu verstehen und den therapeutischen Ansatz zu finden.

Vielleicht empfinden wir unsere im Seelischen erlebbaren Störungen und Schwierigkeiten als Belästigung, die sich recht aufdringlich in unser Bewusstsein drängen will und über die wir so gerne hinwegsähen, wenn wir könnten. Dann kann es hilfreich sein, uns zu vergegenwärtigen, dass Entwicklung nur durch die Überwindung von Widerständen stattfindet. Aus diesem Ringen entsteht seelisches Wachstum und unser Ich kann Kraft gewinnen. Eine wirklich bewältigte Krise entlässt den Menschen reicher, mutiger und auf gesunde Art und Weise selbstbewusster.

Die Aufgabe des Psychotherapeuten in einem Krankenhaus besteht in erster Linie darin, mit dem Patienten, der sich häufig in einer akuten Krankheitssituation befindet, einen Weg zu entwickeln, der es ihm ermöglicht, nach seiner Entlassung formulieren zu können, welche Veränderungen er anstrebt, welche Zielvorstellungen er hat und welche Schritte er aus eigener Kraft für seinen weiteren Gesundungsprozess zu gehen hat.

Häufig werden künstlerische Therapien oder die Heileurythmie, manchmal auch Massagen aus der anthroposophischen Medizin als Unterstützung für diesen Prozess notwendig sein. In einigen Fällen wird eine ambulante Psychotherapie als sinnvoll anzuraten sein, die die im Krankenhaus begonnene Arbeit aufgreift und weiterführt.

Storch Geburtshilfe